Grimmwelt — elf Jahre auf dem Weinberg
Im September 2026 wird das Spezialmuseum am Weinberg elf Jahre alt. Das Programm-Jahr verbindet Manga-Adaptionen, Preis-Verleihung und eine neue Kritische Edition der Kinder- und Hausmärchen.
Wer vom Hauptbahnhof aus die Weinberg-Terrasse betritt, sieht das Museum zunächst nicht. Die Grimmwelt — vom Münchner Architekten Markus Müller 2015 als Stahl-Beton-Konstruktion mit grasbewachsenem Dach geplant — liegt eingebettet in den nach Süden abfallenden Weinberg-Hang, so dass sie sich erst beim Heranschreiten als Bau-Volumen zu erkennen gibt. Diese Architektur-Geste war konzeptionell von Beginn an mit der Programm-Linie des Hauses verbunden: ein Museum, das den Brüdern Grimm gewidmet ist, sollte sich nicht als monumentale Schau-Bühne in den Stadtraum stellen, sondern als Lese-Raum, der seine Inhalte über das räumlich-architektonische Eintauchen erschließt.
Im September 2026 wird die Grimmwelt elf Jahre alt. Das Jubiläums-Jahr-Programm ist ohne Festakt-Inszenierung angelegt und folgt vielmehr einer dichten Reihe von Wechsel-Ausstellungen, Symposien, einer neuen Brüder-Grimm-Preis-Verleihung und der lange angekündigten Kritischen Edition der Kinder- und Hausmärchen, deren erster Band im Oktober im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erscheint.
I. Architektur und Lage
Die Grimmwelt verfügt über rund 4.500 Quadratmeter Nutz-Fläche, davon 1.600 Quadratmeter Dauerausstellung, 600 Quadratmeter Wechsel-Ausstellungs-Fläche, eine Bibliothek mit etwa 8.000 Bestands-Bänden zur Grimm-Forschung sowie ein Veranstaltungs-Foyer mit 180 Sitzplätzen. Der Bau wurde mit rund 20 Millionen Euro Investitions-Volumen errichtet, getragen je zur Hälfte von der Stadt Kassel und dem Land Hessen, mit ergänzenden Mitteln aus dem Bundes-Kulturhaushalt für die Sammlungs-Erschließung.
Architekt Markus Müller hatte den Wettbewerb 2010 gegen 47 Mitbewerber-Büros gewonnen. Seine Wettbewerbs-Begründung — „ein Museum, das sich öffnet, indem es sich versteckt” — wurde nach Eröffnung 2015 mit dem Hugo-Häring-Preis des BDA Hessen sowie 2017 mit dem Hessischen Staatspreis für Baukultur ausgezeichnet. Das grasbewachsene Dach fungiert dabei nicht nur als Stadt-Park-Erweiterung — es ist öffentlich zugänglich und bietet Sichtachsen auf den Bergpark Wilhelmshöhe — sondern auch als bauphysikalisch wirksames Element, das die Temperatur-Stabilität der dahinter liegenden Ausstellungs-Räume erhöht.
II. Dauerausstellung — 25 Räume entlang des Alphabets
Die Dauerausstellung ist über 25 Räume organisiert, die einer alphabetisch-thematischen Logik folgen. Jeder Buchstabe steht für ein Themen-Feld der Grimm’schen Lebens- und Forschungs-Praxis: A wie Akademie, B wie Brüder, C wie Cassel, D wie Deutsches Wörterbuch — und so fort bis Z. Diese Anordnung — vom Mailänder Büro Studio Daniela Bandera 2014/2015 entwickelt — folgt explizit der lexikographischen Praxis, die das Lebenswerk der Brüder Grimm prägte.
Zu den Schlüssel-Exponaten der Dauerausstellung zählen:
- die Erstausgabe der „Kinder- und Hausmärchen” Band 1 (1812) und Band 2 (1815), Reimer-Verlag Berlin, als Dauerleihgabe der Universitäts-Bibliothek Kassel
- das Handexemplar der Brüder Grimm zu den „Kinder- und Hausmärchen” mit handschriftlichen Marginalien (Dauerleihgabe der Staatsbibliothek zu Berlin — Preußischer Kulturbesitz)
- die Original-Manuskripte der „Deutschen Grammatik” Band 1 (1819) von Jacob Grimm
- Briefkonvolute der Brüder Grimm an Bettina von Arnim, Achim von Arnim und Clemens Brentano (Leihgaben des Freien Deutschen Hochstifts Frankfurt)
Die Erstausgabe der „Kinder- und Hausmärchen” ist seit 2005 als Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes im Memory-of-the-World-Programm eingetragen — gemeinsam mit dem Handexemplar in Kassel und dem Berliner Manuskript. Die Eintragung würdigt den außergewöhnlichen literatur- und sprachwissenschaftlichen Rang der Sammlung und ihre weltweite Rezeptions-Geschichte: die Märchen wurden in mehr als 170 Sprachen übersetzt und gelten nach der Bibel als das am häufigsten übersetzte deutschsprachige Buchwerk.
III. Wechsel-Ausstellung 2026 — Manga, Anime, Comic
Die Wechsel-Ausstellung des Jubiläums-Jahres läuft vom 4. Juli bis zum 8. November 2026 unter dem Titel „Grimm im Bilderlauf — Manga, Anime, Comic”. Die Ausstellung folgt der globalen Adaptions-Geschichte der Grimm’schen Märchen in den großen Bild-Erzähl-Traditionen Japans und Nordamerikas, mit Schwerpunkten auf:
- Osamu Tezukas „Grimms Märchen”-Anime-Serie (1987–1989, 24 Episoden, Co-Produktion mit ZDF)
- Junko Mizunos „Cinderalla” (2002, Viz Media San Francisco) als Beispiel feministischer Manga-Lektüre
- Bill Willinghams „Fables” (DC/Vertigo Comics, 2002–2015, 150 Hefte) mit klassischer Re-Inszenierung der Grimm-Figuren in New York
- der koreanischen Webtoon-Serie „Lost in the Cloud” (2014–2019), die in ihrer Schneewittchen-Re-Lektüre auf das KHM-Original 1857 zurückgreift
Die Ausstellungs-Architektur folgt einer Lese-Raum-Logik: 18 Lese-Inseln mit originalen Manga-Bänden, Comic-Heften und Anime-Stills laden zum mehrstündigen Eintauchen ein. Eine Begleit-Publikation erscheint im Verlag Klett-Cotta (Stuttgart) mit 248 Seiten, Auflage 2.000 Exemplare, Preis 32,00 EUR.
IV. Brüder-Grimm-Preis 2026
Der Brüder-Grimm-Preis der Stadt Kassel — verliehen seit 1942 — wird 2026 in der Grimmwelt am 24. September im Beisein des Hessischen Wissenschafts-Ministers sowie der Oberbürgermeisterin der Stadt Kassel überreicht. Der Hauptpreis ist mit 25.000 EUR dotiert, ein Förderpreis mit 12.000 EUR. Die Jury — besetzt mit sieben Mitgliedern aus Germanistik, Volkskunde und Verlagswesen — tagt klassisch im Frühjahr und kommuniziert die Preisträgerin im Mai.
Für 2026 ist die Preisträgerin eine Sprach- und Märchen-Forscherin aus dem norwegischen Tromsø, deren Arbeit zur Übersetzungs-Geschichte der KHM in skandinavische Sprachen vom 19. bis ins 21. Jahrhundert mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wird. Der Förderpreis geht an eine Nachwuchs-Wissenschaftlerin der Universität Göttingen, deren Dissertation zur Märchen-Adaption in zeitgenössischen K-Drama-Serien 2025 erschienen ist.
| Jahr | Hauptpreisträger:in | Forschungs-Schwerpunkt |
|---|---|---|
| 2022 | Heinz Rölleke | KHM-Edition, Wuppertal |
| 2023 | Maria Tatar | Märchen-Forschung, Harvard |
| 2024 | Jack Zipes | Märchen-Rezeption, Minnesota |
| 2025 | Cristina Bacchilega | feministische Märchen-Theorie |
| 2026 | (Norwegen) | Übersetzungs-Geschichte |
V. Kritische Edition 2026
Im Oktober 2026 erscheint im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) der erste Band einer neuen Kritischen Edition der „Kinder- und Hausmärchen”. Die Edition — federführend verantwortet von einem Editions-Team der Universität Kassel in Kooperation mit der Bergischen Universität Wuppertal — folgt den Standards der modernen historisch-kritischen Editionsphilologie und stellt erstmals alle sieben Auflagen der KHM (1812/15, 1819, 1837, 1840, 1843, 1850, 1857) in synoptischer Anordnung parallel.
Die Edition ist auf neun Bände konzipiert, mit einem Erscheinungs-Horizont bis 2031. Band 1 — der im Oktober 2026 vorgelegt wird — enthält die Erst- und Zweit-Auflage der ersten 50 Märchen (KHM 1 bis KHM 50). Das Format folgt der akademischen Editions-Tradition: 17 × 24 cm, Fadenheftung, Leinen-Einband, ca. 720 Seiten, Auflage 1.500 Exemplare, Preis 128,00 EUR.
Der editorische Apparat umfasst Wort- und Sach-Erläuterungen, Quellen-Nachweise zu den Märchen-Beiträgerinnen (insbesondere zu Dorothea Viehmann, Marie Hassenpflug und der Familie Wild), philologische Vergleichs-Notate zu europäischen Parallel-Überlieferungen sowie eine kommentierte Bibliographie der KHM-Rezeption seit 1857.
VI. Forschungs-Linien
Die Grimmwelt versteht sich seit ihrer Eröffnung nicht nur als Schau-Haus, sondern als forschungs-aktive Institution. Ihre Programm-Linie umfasst die jährliche „Kasseler Grimm-Tagung” (klassisch im November, 2026 zum Thema „Grimm und der Globale Süden”), die Förderung dissertations-orientierter Stipendien (je zwei pro Jahr, Stipendien-Höhe 18.000 EUR) sowie die Pflege der Brüder-Grimm-Gesellschaft (gegründet 1942, Sitz Kassel), deren Vereinsbibliothek als Sammlungs-Bestand in die Grimmwelt-Bibliothek integriert ist.
Das Forschungs-Feld der Indogermanistik — von Jacob Grimm mit der „Deutschen Grammatik” 1819 grundlegend geprägt — wird in der Dauerausstellung im Raum „G wie Grammatik” sichtbar gemacht. Die dort gezeigte Grimm’sche Lautverschiebungs-Tafel ist die didaktische Übersetzung jener komparativen Sprachwissenschaft, die das gesamte 19. und 20. Jahrhundert prägte und ohne die weder die slawistische, die romanistische noch die anglistische Philologie in ihrer heutigen Form bestünden.
Elf Jahre nach Eröffnung steht die Grimmwelt als Spezialmuseum mit international anerkanntem Forschungs-Profil. Ihr Jubiläums-Programm 2026 zeigt, wie produktiv die Verbindung von musealer Vermittlung, wissenschaftlicher Editions-Arbeit und globaler Adaptions-Geschichte sein kann — wenn man bereit ist, die Märchen nicht als Kinderzimmer-Bestand zu lesen, sondern als globales Text-Erbe.