Fridericianum — Material und Skulptur, 1960–2026
Die Sommer-Sonderausstellung des Fridericianum führt sechs Jahrzehnte material-orientierter Skulptur-Praxis zusammen. Eine Vorschau auf Hängung, Begleit-Publikation und das wissenschaftliche Symposium.
Das Museum Fridericianum am Friedrichsplatz eröffnet am 28. Juni 2026 seine Sommer-Sonderausstellung „Material — Skulptur 1960–2026”. Auf rund 2.400 Quadratmetern Ausstellungs-Fläche im Friedrich-Saal des Erdgeschosses und im Kuppel-Saal des Obergeschosses werden 78 Arbeiten von 34 Künstler:innen zusammengeführt. Die Schau ist die umfangreichste Skulptur-orientierte Setzung des Hauses seit der 1992 von Veit Loers kuratierten „Antagonismen”-Ausstellung und positioniert sich bewusst als kunsthistorisch argumentierende Re-Lektüre eines Felds, das in den letzten zwei Jahrzehnten überwiegend einer biennalisierten Gegenwarts-Logik überlassen worden war.
I. Haus und Direktion
Das Fridericianum wurde 1779 nach Plänen von Simon Louis du Ry für Landgraf Friedrich II. erbaut und gilt als zweitältestes öffentliches Museum Europas — nach dem British Museum von 1759, vor dem Pariser Louvre von 1793. Der klassizistische Bau am Friedrichsplatz wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und in den 1950er Jahren in vereinfachter Form wiederaufgebaut; eine umfassende Sanierung folgte 1979–1982 unter Federführung des Architekten Paul Friedrich Posenenske.
Die Sammlung des Fridericianum umfasst klassisch antike Bestände — überwiegend römische Marmor-Skulpturen aus der landgräflich-hessischen Sammlung des 18. Jahrhunderts — sowie ein wachsendes Konvolut zeitgenössischer Werke, das durch Schenkungen und Ankäufe seit den 1980er Jahren entstanden ist. Die Wechsel-Ausstellungs-Linie ist programmatisch breit angelegt und folgt seit der Berufung von Moritz Wesseler zum Direktor im Jahr 2018 einer dezidiert kunsthistorisch fundierten kuratorischen Praxis. Wesseler war zuvor Direktor des Kölnischen Kunstvereins und hat das Haus seit 2018 in der internationalen Fachpresse als Ort präziser Einzel-Ausstellungen (Cady Noland 2020, Henrike Naumann 2021, Wolfgang Tillmans 2022) etabliert.
II. Konzeptionelle Linie
„Material — Skulptur 1960–2026” greift jene Wende in der Skulptur-Praxis auf, die in Italien ab 1967 unter dem von Germano Celant geprägten Begriff Arte povera firmierte. Die Eröffnungs-Section der Ausstellung ist drei Schlüssel-Positionen dieser Bewegung gewidmet:
- Mario Merz, „Igloo di Giap” (1968, Eisen-Gestell mit Glas-Platten und Neon-Schriftzug, ca. 120 × 200 cm Durchmesser, Sammlung Castello di Rivoli, Turin)
- Jannis Kounellis, „Senza titolo” (1969, Eisenrahmen mit Kohle-Stücken, 200 × 200 × 30 cm, Sammlung MAXXI, Rom)
- Giovanni Anselmo, „Senza titolo (Struttura che mangia)” (1968, Granit, Kopfsalat, Kupferdraht, 65 × 30 × 30 cm, Centre Pompidou, Paris)
Das Anselmo-Werk — der „struktur, die isst” — bringt jene programmatische Verbindung von anorganischem und organischem Material zum Ausdruck, in der die Arte povera ihre konzeptionelle Schärfe entwickelte. Die Hängung im Friedrich-Saal stellt diese drei Arbeiten in einen Dialog mit minimalistischen Positionen aus den USA, repräsentiert durch Robert Morris („Untitled (Felt Piece)”, 1968, Industrie-Filz, 285 × 305 cm) und Eva Hesse („Right After”, 1969, Fiberglas und Polyester-Resin, 152 × 549 × 122 cm, Albright-Knox Art Gallery, Buffalo).
III. Zeitgenössische Schluss-Linie
Die zweite Hälfte der Ausstellung — im Kuppel-Saal des Obergeschosses — versammelt zeitgenössische Positionen, die die material-orientierte Linie bis in die Gegenwart fortschreiben. Drei Hauptwerke setzen dort die argumentative Spitze:
Cosima von Bonin ist mit der Arbeit „Loop #4 / The Lazy Susan Series” (2010/2011, Stoff, Holz, Stahl-Konstruktion, 380 × 380 × 95 cm, Sammlung der Künstlerin) vertreten — einer rotierenden Plattform-Skulptur, die ihre textil-genähten Tier-Figuren in einer langsamen Endlos-Bewegung präsentiert. Isa Genzken zeigt „Schauspieler IV” (2015, Schaufenster-Puppen, Kleidung, Farb-Spray, Plastikteile, Höhe je ca. 180 cm) — eine Arbeit, die in ihrer Material-Häufung explizit eine konsumkritische Erweiterung der Skulptur-Idee vornimmt. Phyllida Barlow — die 2023 verstorbene britische Bildhauerin — ist mit „untitled: hoardings” (2016, Holz, Beton, Stoff, Polyurethan, ca. 450 × 800 × 220 cm, Tate Collection London) vertreten.
Die Hängung folgt einer chronologisch-thematischen Logik, die explizit gegen eine biographische oder regional-spezifische Gruppierung argumentiert. Material-Familien — textil, mineralisch, metallisch, kunststoff-basiert — werden über Generationen hinweg in Dialog-Konstellationen gebracht.
IV. Begleit-Publikation und Verlags-Praxis
Die Begleit-Publikation erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther & Franz König in Köln — jenem klassischen Kunst-Bücher-Verlag, der seit 1981 unter Leitung von Walther König die wichtigsten Ausstellungs-Kataloge der deutschsprachigen Kunstwelt betreut. Die technischen Daten:
- Format: 24 × 32 cm
- Umfang: 280 Seiten
- Auflage: 2.500 Exemplare (deutsch-englische Ausgabe)
- Bindung: Fadenheftung, broschiert
- Bildteil: 142 farbige Abbildungen, davon 38 ganzseitig
- Text-Beiträge: Moritz Wesseler (Einleitung), Briony Fer (Universität London), Susanne Pfeffer (MMK Frankfurt), Diedrich Diederichsen
- Preis: 48,00 EUR
Die Publikation enthält erstmals einen vollständigen Werkkatalog der gezeigten 78 Arbeiten mit konservatorischen Beschreibungen und Provenienz-Angaben. Diese Katalog-Praxis — im deutschsprachigen Ausstellungs-Wesen seltener geworden — folgt explizit der Tradition der großen Documenta-Kataloge der 1980er Jahre.
V. Begleit-Programm und Symposium
Das Begleit-Programm gliedert sich in drei Achsen. Erstens eine Reihe von Künstler:innen-Gesprächen, die monatlich im Kuppel-Saal stattfinden und kostenfrei zugänglich sind — bestätigt sind bisher Cosima von Bonin (12. Juli), Isa Genzken im Gespräch mit Diedrich Diederichsen (9. August) sowie eine posthume Würdigung von Phyllida Barlow durch Briony Fer (13. September).
Zweitens ein zweitägiges wissenschaftliches Symposium am 25./26. September 2026 unter dem Titel „Arte povera — Rezeption und Re-Lektüre”. Beteiligt sind Beiträge aus der Universität La Sapienza Rom, dem Courtauld Institute London, der Universität Frankfurt und der Kunsthochschule Kassel. Die Symposiums-Beiträge werden im Frühjahr 2027 in einer eigenen Publikation veröffentlicht.
Drittens ein schulisches Begleit-Programm, das an die Lehrplan-Anbindung der Sekundarstufe II im Fach Kunst (Hessisches Kerncurriculum, Themenfeld „Skulptur und Material”) andockt. Vorgesehen sind Führungen für Schul-Klassen ab Jahrgangsstufe 10 sowie ein dreitägiger Lehrer:innen-Fortbildungs-Kurs in Kooperation mit dem Hessischen Lehrkräfte-Institut. Das schulische Programm ist mit der documenta-Halle abgestimmt, deren Vermittlungs-Abteilung die Materialien koordiniert.
VI. Ausstellungs-Architektur
Die Ausstellungs-Architektur wurde vom Büro Kuehn Malvezzi in Berlin entworfen — jenem Büro, das auch die documenta 11 (2002) und mehrfach das Jüdische Museum in Berlin gestaltet hat. Die Hängung verzichtet bewusst auf zusätzliche Einbauten im Friedrich-Saal und nutzt die klassischen Wand-Strukturen des Erdgeschosses. Im Kuppel-Saal wird eine zentrale Plattform-Architektur eingezogen, die die rotierenden und großformatigen Arbeiten der zeitgenössischen Schluss-Linie aufnimmt.
Die Ausstellung läuft vom 28. Juni 2026 bis zum 18. Oktober 2026, danach geht das Haus in eine vierwöchige Schließungs-Phase zur Vorbereitung der Winter-Sonderausstellung. Der Eintrittspreis beträgt 12 EUR (ermäßigt 6 EUR), die Kombinations-Karte mit der documenta-Halle 18 EUR. Das Fridericianum ist Dienstag bis Sonntag von 11:00 bis 18:00 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20:00 Uhr.